Webinhalte leicht verwaltet
Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2007/20
Web Content Management scheint auch 2007 das heimliche Hobby einer Unzahl von kleineren und grösseren Softwareherstellern zu sein: Es gibt laut Schätzungen über 500 kommerzielle und freie Lösungen für den Umgang mit Webinhalten (WCM). Die Bandbreite reicht von PHP-Scripts wie PHPNuke, die sich vor allem für Privatuser-Websites eignen, bis zur multisprachfähigen Lösung für global tätige Unternehmen.
Im zweiten Fall ist die Software, die für die Verwaltung der internen und externen Webauftritte genutzt wird, heute meist eine Komponente einer umfassenden Enterprise-Content-Management-Lösung (ECM).
Während es bei WCM in erster Linie um die möglichst wenig aufwendige Einrichtung und Pflege von Websites geht, kümmert sich ECM um den gesamten Informationsfluss im Unternehmen und sorgt zumindest in der idealen Welt der Hersteller-PR dafür, dass jeder Mitarbeiter immer auf genau die Informationen Zugriff hat, die er gerade benötigt.
Die Grenze zwischen den beiden Disziplinen ist fliessend, was teils historische und teils funktionale Gründe hat. Die meisten ECM-Plattformen stammen von Herstellern, die früher sogenannte Dokumentenmanagement-Lösungen anboten (DMS). Oft war der erste Schritt in Richtung ECM, die DMS-Lösung mit einem Web-Frontend auszustatten. Im Lauf der Zeit wuchs diese eigentlich als Zusatz gedachte Funktionalität zu einem Kernaspekt der Gesamtlösung heran. Dazu kommen weitere Funktionsbereiche wie Einbindung in die übrige Unternehmens-IT, Business-Process-Management (BMP) und Collaboration.
Web Content Management hatte anfangs nur ein Ziel, das noch heute für viele Anwender die massgebliche Motivation für den Einsatz einer WCM-Lösung bleibt: Zur Pflege der Inhalte auf der Website sollten keine HTML-Kenntnisse nötig sein. Jeder sachlich dazu qualifizierte Autor sollte in der Lage sein, Texte und Bilder ins Web zu stellen, und zwar ohne jedesmal einen internen Programmierer oder die Webagentur zu bemühen. Dazu eigneten sich die gängigen Web-Editoren wie Dreamweaver oder Frontpage nicht, die sowohl einen WYSIWYG-Modus als auch eine direkte Sicht auf den Code bieten: Ein unbedarfter Autor kann mit solchen Programmen mit ein paar Mausklicks die ganze Site durcheinanderbringen.
Statt dessen entstanden um die Jahrtausendwende die ersten Content-Management-Systeme, die mit einer strikten Trennung von Layout und Inhalten arbeiten. Das Layout wird üblicherweise von einer Webagentur erstellt oder aus vorhandenen Vorlagen und Optionen zusammengestellt. Die Inhalte werden in einer Datenbank abgelegt, bei jedem Seitenaufruf dynamisch ins Layout eingefügt und als HTML-Dokument an den Browser übermittelt. Zum Erstellen und Verändern der Inhalte bieten die meisten WCM-Lösungen einen mehr oder weniger komfortablen Inline-Editor, mit dem direkt auf der Webseite editiert werden kann. Ein Berechtigungssystem sorgt dafür, dass jeder Autor nur gerade auf die Bereiche Zugriff hat, für die er zuständig ist. Die Berechtigungen werden zusammen mit allen übrigen Grundeinstellungen über ein separates Backend verwaltet, das nur für Administratoren zugänglich ist. Oft ist es sogar im Interesse des Betreibers, wenn der Admin-Zugriff auf die Webagentur beschränkt wird.
Sowohl die DMS/ECM- als auch die WCM-Szene sind durch eine ganze Reihe von Übernahmen geprägt. So ist der DMS-Hersteller Documentum heute ein Teil der Firma EMC, die sich dem allumfassenden Informationsmanagement verschrieben hat und dies so definiert, dass die Produktpalette von der Speicherhardware bis zum Kollaborationstool reicht. Der Schweizer Hersteller Obtree, einer der ersten Anbieter einer Content-Management-Lösung, die über das blosse Editieren von Webseiten hinausging, wurde vom DMS-Hersteller Ixos übernommen, der kurz darauf seinerseits zu Open Text stiess. Open Text übernahm ausserdem den Konkurrenten Hummingbird, der sich zuvor den WCM-Anbieter RedDot einverleibt hatte.
In diesem Übernahmekarussell verändern sich auch die Produktbezeichnungen laufend, was die Übersicht nicht erleichtert. Web Content Management war bei Open Text früher in Form des WCM Presentation Server (ex Obtree) und des WCM Content Server zu haben, der auf ein Produkt von Gauss zurückgeht. Heute bietet Open Text zwar noch Support für diese Lösungen an, vermarktet wird aber nur noch das WCM von RedDot.
Ähnlich, aber nicht ganz so verworren ist die Situation bei Oracle und IBM. Oracles WCM-Angebot ist eine Komponente der Middleware-Suite Universal Content Management und ist durch die Akquisition von Stellent in Larry Ellisons Plattformportefeuille gelangt. IBM bietet neben der von Filenet übernommenen ECM- und BMP-Plattform auch in der Lotus-Workplace-Sparte eine WCM-Lösung an.
Ums KMU-Segment kümmern sich auffallend viele lokale Hersteller. Auch hier ist eine vollständige Übersicht praktisch unmöglich, wir haben uns deshalb auf einige besonders auffallende Produkte beschränkt. Die Hersteller, oft Web-agenturen oder klassische KMU-Softwareanbieter, ergänzen die WCM-Funktionalität oft mit Zusatzmodulen wie Webshop, Einbindung einzelner ERP- und CRM-Systeme oder Crossmedia-Publikation und stossen damit ein Stück weit in Richtung ECM vor.
Während die WCM-Lösungen der ECM-Anbieter praktisch ausschliesslich auf der Java-Enterprise-Plattform basieren, kommt in den KMU-orientierten Lösungen meist eine leichtgewichtigere Technologie zum Zug. Einige Produkte arbeiten auf einem PHP/MySQL-Stack. Aussergewöhnlich sind InnoWAYtor CMS und Mybluesun, die auf Basis von ColdFusion entwickelt wurden. Der eigentliche Exot jedoch nennt sich CMSbox: Das junge Berner Entwicklerteam hat sich für das Smalltalk-basierte Framework Seaside entschieden, ergänzt durch die AJAX-Bibliothek Scriptaculous. Die CMSbox glänzt entsprechend mit einem ausgefeilten Inline-Editor, der sich besonders leicht bedienen lassen soll.
Aus den Hunderten von freien Content-Management-Systemen (Demo-Installationen unter www.opensourcecms.com) haben wir elf Projekte gewählt, die im Business-Umfeld beliebt sind. Meist ist bis zur fertigen Website aber einiges an Implementationsaufwand zu leisten. Produkte wie Typo3, Xaraya und Alfresco stellen den Website-Betreiber vor eine ziemliche Lernkurve – oder man überlässt die Einrichtung der Site einer Agentur und übernimmt nur die Inhaltspflege danach selbst.
(ubi)