OpenGroupware: Nicht nur fürs Web

Mit OpenGroupware schickt sich ein weiterer freier Vertreter an, Exchange Paroli zu bieten.

Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2003/15

     

Seit dem Linux-Tag, der nach Anzahl Besucher grössten deutschen Linux-Messe, ist die Welt um eine freie Groupware reicher: An diesem Anlass hat die deutsche Firma Skyrix ihr gleichnamiges Produkt unter dem Namen OpenGroupware freigegeben. Fortan beschränkt sich das Unternehmen auf Dienstleistungen sowie Entwicklung und Vertrieb kostenpflichtiger Erweiterungen des Basispakets. Damit darf OpenGroupware als wohl ältester freier Vertreter dieses Genres gelten, läuft dessen Entwicklung doch seit 1999.


Nicht nur webbasiert

Als Basis für OpenGroupware dient die letzte kommerzielle Version, Skyrix 4.1. Sie bietet die erwarteten Funktionen wie Kalender, Adressbuch für Personen und Unternehmen, eine "Jobs" genannte Aufgabenliste sowie elementare Möglichkeiten für das Projektmanagement.



Auf integrierte Mail-Funktionalität dagegen verzichtet dieses Produkt und setzt statt dessen auf die gängigen Postein- und ausgangsserver wie Postfix oder Cyrus. Für den Empfang von Mails wird bisher ausschliesslich IMAP unterstützt.




Diese Lösung hat Vor- und Nachteile: Durch diese Trennung lassen sich beliebige, allenfalls bereits vorhandene Mail-Umgebungen integrieren. Andererseits müssen die Mail-Server auch separat eingerichtet und konfiguriert werden, was zusätzlichen Aufwand bedeutet.



Doch im Unterschied zu rein webbasierten Varianten öffnet sich OpenGroupware auch Clients, die nativ auf dem Desktop-Rechner laufen (siehe Kasten). Damit sind die Grundvoraussetzungen erfüllt, dass diese freie Software auch als ernsthafte Alternative beispielsweise zu Microsofts Exchange Server gelten darf. Dass sie daneben die Synchronisation mit Palm-PDAs unterstützt, unterstreicht diesen Anspruch.




Konfiguration nur für Profis

OpenGroupware ist modular aufgebaut und besteht genaugenommen nur aus einem Application Server. Dieser ist in der ursprünglich von Next stammenden Programmiersprache Objective-C geschrieben, während ansonsten unter Linux C oder allenfalls C++ den Ton angeben. Das könnte für Entwickler, welche die Software anpassen möchten, ein kleineres Hindernis darstellen.



Für die Speicherung der Daten vertraut OpenGroupware auf SQL-Datenbanken, wobei derzeit die beiden freien Systeme PostgreSQL und FrontBase unterstützt werden. Auf der anderen Seite sorgt ein Apache-Modul dafür, dass der weitverbreitete Webserver die Kommunikation zwischen Benutzer und Groupware regeln kann. Dies ist aus Performance-Gründen sinnvoll, und zudem kann Apache auch gleich für die sichere, SSL-verschlüsselte Verbindung sorgen.




Ergänzt wird das Paket von zwei weiteren Serverdiensten. Ein Zidestore genanntes Modul sorgt für die Kommunikation mit Desktop-Clients, während ein Netzwerk-Synchronisationsdienst den Datenabgleich mit dem Palm erledigt. Diese beiden Dienste müssen bei Bedarf separat gestartet werden.



Derzeit stehen Pakete sowohl für RPM-basierte Linux-Distributionen wie Red Hat oder Suse als auch als Debian-Pakete zum Download bereit. Wer OpenGroupware unter Mac OS X oder auf einer anderen Unix-Variante einsetzen möchte, muss die Software aus dem Quellcode selber kompilieren und installieren.



Auf klassischer Intel-Hardware geht die Installation des 10 bis 20 MB grossen Pakets für geübtere Linux-Anwender dank RPM einfach vonstatten. Doch danach ist Handarbeit angesagt: Anders als gewohnt, bietet OpenGroupware weder eine einigermassen einsatzfähige Basiskonfiguration noch die üblichen Skripte, um die einzelnen Serverkomponenten zusammen mit dem System zu starten. So gilt es, zuerst den Datenbankserver vorzubereiten, um anschliessend mit den mitinstallierten Tools und Skripten die einzelnen Tabellen anzulegen. Auch die Serverdienste wollen konfiguriert werden. Dies geschieht aber nicht, wie unter Linux üblich, via Textdateien, sondern einmal mehr über ein separates Tool, das die entsprechenden Einträge in den XML-Konfigurationsdateien vornimmt. Schliesslich muss auch noch das Apache-Modul aus dem Quellcode kompiliert und die Konfigurationsdatei des Webservers angepasst werden, bevor OpenGroupware den verlangten Dienst versieht.



Diese doch eher umständliche Installation verlangt eine gehörige Portion Linux-Fachwissen und vor allem viel Geduld. Denn wie wenn das nicht schon genug wäre, ist auch die Dokumentation zu den erforderlichen Arbeiten äusserst lückenhaft. Im Notfall müssen die Informationen aus einigen von hilfsbereiten Usern zusammengestellten "How-tos" und verschiedenen Mailing-Listen zusammengekratzt werden. Das erweckt wiederum den Eindruck, als ob die Firma Skyrix die Hürde bewusst möglichst hoch ansetzt, um selber kräftig mit Installations- und anderen Dienstleistungen mitzuverdienen.




Ansprechender Funktionsumfang

Immerhin wird die zeitraubende Installation mit einem Resultat belohnt, das insgesamt einen guten Eindruck hinterlässt. Die webbasierte Benutzeroberfläche ist klar und sauber gestaltet und kann für jeden Anwender sprachlich angepasst werden (wobei derzeit allerdings erst Englisch und Deutsch zur Wahl stehen).



Das Herz von OpenGroupware stellen aber sicherlich die Kalenderfunktionen dar. Sie beinhalten eine persönliche und eine Team-Agenda inklusive Alarm und helfen bei der Suche nach freien Zeiträumen für Termine mit mehreren Teilnehmern. Sämtliche Kontakte, Firmen wie Personen, werden in der entsprechenden Adressverwaltung festgehalten. Einträge lassen sich beliebig zu Gruppen zusammenfassen, was bei elektronischen wie gedruckten Rundschreiben hilft. Denn OpenGroupware bietet eine als "Serienbrief" bezeichnete Funktion, welche ausgewählte Adressen als Semikolon-getrennte Werte im Browser anzeigt. Diese lassen sich beispielsweise in die Tabellenkalkulation einsetzen, um so eine Serienbrief-Quelle zu erzeugen.




Ohne kostenpflichtige Erweiterung bietet OpenGroupware leider keine weitere Möglichkeit, die Adressen in externen Anwendungen wie etwa dem Mail-Client einzusetzen. Über die XML-RPC-Schnittstelle liesse sich zwar ein hierfür geeigneter LDAP-Server anbinden. Doch ein entsprechendes Modul liegt derzeit nicht vor.




Vom Palm auf den Server und zurück

Als (etwas umständlicher) Workaround bietet sich dafür die Synchronisation mit dem Palm an, wobei die Adressen zuerst auf den Handheld und anschliessend in die Mail-Software übertragen werden. Im Test mit einem am Desktop-PC angeschlossenen Palm m500 funktionierte diese Netzwerk-Synchronisation auf Anhieb. Auf seiten der digitalen Taschenagenda braucht es dafür ein speziell gestaltetes Memo, das Benutzername und Passwort beinhaltet - sicher nicht die sicherste Variante, dafür einfach.



Zweistufig vollzieht sich dagegen der Abgleich der Palm- und der OpenGroupware-Einträge: Termine und Adressen, die vom Handheld in die Groupware übertragen wurden, sind dort entsprechend ihres Ursprungs gekennzeichnet. Um Palm-Adressen ins Groupware-Verzeichnis zu übernehmen, müssen sie nochmals abgeglichen werden. Und Termine, welche auf dem Mobilgerät erfasst wurden, erscheinen nur über die Web-Oberfläche im Kalender, nicht aber beim Zugriff mit einer externen Anwendung. Insgesamt ist die Palm-Synchronisation damit durchaus brauchbar, aber eher etwas kompliziert gelöst.




Der Abgleich mehrerer hundert Adressen brachte zudem zutage, dass sich OpenGroupware eher Ressourcen-hungrig gibt und nicht unbedingt auf zu bejahrter Hardware eingesetzt werden sollte. Auf einem Pentium II mit 350 Mhz, 128 MB RAM und Debian 3.0 dauerte es selbst im LAN gut 15 Sekunden, bis die eingestellten 100 Einträge im Browser angezeigt wurden. Beim gleichzeitigen Zugriff mehrerer Benutzer dürfte sich dieser Wert weiter erhöhen.




Vielversprechend, aber noch verbesserungswürdig

Was den Funktionsumfang angeht, so vermag OpenGroupware zu überzeugen. Die Möglichkeit, native Clients einzubinden, und der Palm-Abgleich unterstreichen den Anspruch, als Exchange-Alternative zu gelten.



Doch wirkt die Groupware insgesamt noch etwas grob. Installation und eventuell auch Geschwindigkeit und Stabilität der Zidestore-Komponente sind verbesserungswürdig. Alltagstauglich ist OpenGroupware dennoch, besonderes in Umgebungen, die bislang mangels geeigneter Produkte auf Groupware-Funktionalität verzichten mussten. Gelingt es der Entwicklergemeinde, zusammen mit Skyrix die bestehenden Schwachstellen zu beheben, hätte OpenGroupware das Zeug dazu, zum ersten ernstzunehmenden Exchange-Konkurrenten aus der Open-Source-Ecke zu werden.





OpenGroupware ohne Browser

Zwar ist der Webbrowser das bevorzugte Werkzeug zur Bedienung von OpenGroupware, und da die Software ohne Hilfe von JavaScript auskommt, sollte sich hierzu auch jede gängige Browser-Variante eignen. Doch darüber hinaus versteht sich die Groupware mit einer auf den ersten Blick eindrücklichen Vielfalt von entsprechender Client- oder zumindest Kalendersoftware. Der Grund liegt in einer serverseitigen Erweiterung namens Zidestore. Sie stellt die Agenda über das Webdav-Protokoll im iCal-Format zur Verfügung.
Eine ganze Reihe von Anwendungen können auf diesem Weg Kalender abonnieren, so etwa die entsprechende Erweiterung zu Mozilla oder Apples iCal, die kostenlose Agenda von Mac OS X. Und wer Linux auf dem Desktop einsetzt, findet dieselbe Möglichkeit im KOrganizer von KDE.



Allerdings beschränken sich diese Clients laut einem Hinweis auf der OpenGroupware-Website auf die Anzeige des Kalenders. Und diese Einschränkung sollte tunlichst beachtet werden: Der Versuch, einen neuen Termin an den Server zurückzuschicken, endete damit, dass der Zidestore seinen Dienst quittierte.




Wer trotzdem nicht auf seinen Client verzichten möchte, dem bleibt noch der Umweg übers Portemonnaie: Skyrix bietet für Outlook 98, 2000 und XP das sogenannte ZideLook-Plugin. Die in einer 5er-Lizenz rund 319 Euro teure Erweiterung erlaubt den vollen Zugriff auf die Groupware-Funktionen.



Umgerechnet rund 100 Franken pro Arbeitsplatz muss berappen, wer eine komplette Groupware-Umgebung auf Linux-Basis anstrebt. Diese Kosten fallen für den Ximian Connector an, ein Plug-in für den Outlook-Clone Evolution von derselben Firma, die kürzlich von Novell übernommen wurde. Der Connector befähigt Evolution, auf OpenGroupware, aber auch auf Exchange 2000 zuzugreifen. Leider unterstützt erstere derzeit nur die ältere Version 1.2 von Evolution. Gemäss einem Posting in einer OpenGroupware-Mailinglist würde Ximian aber eine freie Variante eines Evolution-Plug-ins für die Open-Source-Serversoftware begrüssen. Damit stünde nicht nur den KDE-Anwendern mit Kroupware, sondern auch den Gnome-Vertretern eine vollständig freie Groupware zur Verfügung.



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