Viel Dynamik bei Microsoft
Artikel erschienen in Swiss IT Magazine 2007/16
Allen Hypes zum Trotz: Bei Microsoft hat das «Project Green» nichts mit Umweltschutz zu tun. Vielmehr geht es um die Konsolidierung der vier ERP-Lösungen, die Microsoft in seinem Business-Software-Portfolio seit 2005 unter dem Namen Microsoft Dynamics vereint. Gearbeitet wird am «Project Green» schon seit Jahren, so richtig vom Fleck scheint es aber nicht zu kommen. Oder täuscht diese Einschätzung nur?
Das Dynamics-Portfolio besteht derzeit aus fünf Hauptprodukten:
Das grosse Problem an diesem Business-Software-Portfolio ist, dass vier der fünf Hauptlösungen den ERP-Markt bedienen und sich deshalb mehr oder weniger stark überschneiden – auch wenn jedes der Produkte seine ganz besonderen Stärken und Schwächen hat. In dieser Tatsache liegt denn auch der Grund für das «Project Green», von dem schon kurz nach den Akquisitionen von Great Plains 2001 und Navision 2002 erstmals die Rede war:
Vorgesehen war damals, die vier Produkte in ein einziges, ein quasi «Best-of»-Produkt zu überführen, dabei das .NET-Framework als Grundlage zu nutzen und moderne Programmiersprachen einzusetzen. Das Projekt entpuppte sich allerdings bald als zu komplex und überdimensioniert, weshalb es 2005 zusammen mit dem Namenswechsel durch einen eher schwammigen Plan («Dynamics Waves») ersetzt wurde: Dieser sah vor, dass alle Dynamics-ERP-Produkte mindestens bis 2013 weiterentwickelt und unterstützt werden sollen, während gleichzeitig Dynamics AX forciert werden sollte, um irgendwann in der Zukunft die Basis für ein eventuelles einziges, strategisches ERP-Produkt zu bilden.
Das Fernziel des einzigen ERP-Produkts ist also geblieben. Es soll nun mit zwei Wellen erreicht werden, wobei die erste mittlerweile (fast) abgeschlossen ist (vgl. Grafik). Auch wenn Microsoft hier von zwei Wellen spricht –das Vorgehen ist eher ein langsames in kleinen Schritten.
- Regelmässige Releases: Mindestens bis 2013 sollen die Produkte Dynamics GP, NAV und SL weiterentwickelt und in regelmässigen Releases veröffentlicht werden. Die Updates werden dabei nicht nur Bugs ausmerzen, sondern auch neue Features bringen. Wesentlich ist auch, dass die neuen Releases eine gewisse Konsistenz zwischen den User-Interfaces der einzelnen Produkte bringen und die Programmierinterfaces vereinheitlichen und modernisieren sollen. Und nicht zuletzt soll mit den Updates auch die Integration von anderen strategischen Microsoft-Produkten wie SharePoint oder SQL Server verstärkt werden.
- Längere Release-Zyklen: Bisher wurden Microsofts ERP-Produkte ungefähr alle ein bis anderthalb Jahre erneuert. Im Zuge der oben angetönten Umbauten und Erweiterungen sollen diese Release-Zyklen nun auf mindestens zwei Jahre verlängert werden.
- Mehr Funktionalität für Dynamics AX: Wie bereits erwähnt, steht als Grundlage für die künftige konsolidierte ERP-Lösung Dynamics AX im Vordergrund. Es ist zu erwarten, dass AX mit den kommenden Releases sukzessive um spezifische und einzigartige Features der drei anderen ERP-Produkte erweitert wird.
- Neue Client-Grundlage: Mit
.NET, Windows Forms und weiteren Technologien hat Microsoft in jüngster Zeit die Grundlagen für künftige Software-Produkte neu geschaffen. Darauf basierend werden sukzessive neue, einheitliche Page Controls, Navigations-Methoden, Menüstrukturen etc. eingeführt, auch hier mit dem Hauptziel der Vereinheitlichung der User-Oberflächen.
Als erstes Produkt wird Dynamics NAV 5.1, das noch in diesem Jahr erwartet wird, von den neuen Grundlagen profitieren.
- Singuläres ERP: Nach wie vor heisst das Fernziel, die vier ERP-Produkte zusammenzuführen. Die Grundlagen dafür wurden oben beschrieben und wurden von Microsoft auch schon angedeutet – während es für die übrigen Schritte aber eine halbwegs konkrete Roadmap und einen Zeitplan gibt, herrscht darüber beim Endziel Stillschweigen. Allerdings darf man aufgrund der Tatsache, dass die einzelnen Produkte bis mindestens 2013 erweitert und unterstützt werden sollen, durchaus vermuten, dass das singuläre ERP kaum vorher releast werden wird.
Dass das ganze Konsolidierungsprojekt ohnehin zu einem heiklen Balance-Akt wird, ist offensichtlich. Schliesslich gilt es, einige komplett verschiedene, teilweise gar gegensätzlich Ziele unter einen Hut zu bringen.
So ist es ziemlich offensichtlich, dass es auf Dauer kein gangbarer Weg ist, vier gleichartige und teils auch gleichwertige Produkte nebeneinander weiterzuentwickeln. Das verbietet sich eigentlich schon aus finanziellen Gründen, aber auch wegen der Redundanz bei Entwicklung und Vermarktung – und wäre eigentlich ein klarer Auftrag für eine rasche Konsolidierung der Produkte.
Auf der anderen Seite hat Microsoft für jedes der Dynamics-ERPs existierende Kunden und insbesondere eine grosse Basis an Partnern, die für Anpassung, Erweiterung und Implementierung beim Kunden sorgen. Diese dürfen auf keinen Fall vergrault werden, da es ansonsten schwierig werden könnte, auf der bestehenden Kundenbasis aufzubauen und diese zu erweitern. Nicht zuletzt gilt es, gegen die Konkurrenten wie SAP oder Oracle zu bestehen – Microsoft ist im Markt für ERP noch immer eine relativ kleine Nummer, auch wenn es im ERP-Markt für KMU derzeit an einem klaren Leader fehlt.
Vor diesem Hintergrund kann es Microsoft eigentlich nur falsch machen. Die konsequente Parallel-Entwicklung von vier ERPs schwächt nicht nur die Position gegenüber der Konkurrenz, sondern bremst auch die Innovation. Die schnelle Umstellung auf ein einziges ERP-System dagegen stiesse die Kunden und Partner vor den Kopf, die voraussichtlich sämtliche Erweiterungen und Anpassungen neu programmieren müssten – und würde gleichzeitig ebenfalls die Konkurrenz stärken. Insgesamt also keine gemütliche Ausgangslage.
War das «Project Green» noch vor wenigen Jahren an jeder Veranstaltung der Business-Solutions-Gruppe eines der Hauptthemen, so hat sich dies zuletzt geändert. Bei der Convergence 2007 beispielsweise wurde – wenn überhaupt –nur auf Anfrage auf das Thema eingegangen. Und auch dann blieben die Antworten der Microsoft-Verantwortlichen eher vage.
Als das Projekt unter diesem Namen im Jahr 2005 eingestellt wurde, wurden sogleich auch Stimmen laut, dass damit auch das Fernziel «gestorben» sei. Dem ist allerdings nicht so: Die konsolidierte ERP-Lösung soll nun bloss auf einem anderen – für die Ressourcen, Kunden und Partner schonenderen – Weg erreicht werden. Ob dies angesichts der mächtigen Konkurrenz wirklich der bessere Weg ist, wird sich in der Zukunft weisen.